Für Thomas – Deine Mama

Ich werde diesen Tag im Oktober wohl nie vergessen, diesen Tag der mein Leben, das Leben meiner Familie so verändern sollte.

War es doch schon Wochen vorher ein Kampf, diese Schwangerschaft stabil zu halten. Ich wollte unser Kind auf keinen Fall verlieren. In den Medien hat man oft von zu früh geborenen Babys berichtet, sich selbst aber nie mit diesem Thema befasst. Denn, so hoffte ich, mich wird es nie treffen. So glaubte ich daran, bis zu jenem Tag, an dem unser Söhnchen Thomas in der vollendeten 23. Schwangerschaftswoche auf die Welt geholt wurde. Die Ärzte gaben unserem Sohn keine Chance und so wurde er von Ihnen nur mit einer Schüssel, bedeckt mit einem kleinen Laken, erwartet. Ich war darüber so entsetzt, konnte nichts mehr sagen, nur noch weinen. Man versuchte mir immer wieder unmissverständlich klar zu machen, es hätte keinen Sinn noch zu hoffen, das Kind würde die Geburt nicht überleben. Ich fühlte mich so hilflos und ausgeliefert, niemand sprach mit mir über meine Ängste, niemand reichte mir die Hand.

Die Geburt war traumatisch. Mir war als reise man mir ein Stück aus meinen Körper und aus meiner Seele. Was konnte es in diesem Moment schlimmeres für mich geben, als mein Baby zu verlieren. Dieses Gefühl was einem durchströmt, kann man nicht beschreiben und ich möchte es auch gar nicht.

Doch unser Söhnchen Thomas hatte es wieder erwarten der Ärzte geschafft und mir gezeigt, dass er leben wollte. Für mich stand fest ich werde mein Kind so lieben wie er ist und ihn mit meiner ganzen Kraft unterstützen. Keiner von uns wusste was nun auf uns zukam, doch eines war klar, dies wird ein langer beschwerlicher Weg, mit vielen Hindernissen und Schwierigkeiten.

Beim Betreten der Intensivstation ließ ich den bekannten Teil der Welt ein gutes Stück hinter mir. Angst, Beklemmung und Hoffnung um mein Kind machten mir die Schritte schwer. Mein Blick schweifte ängstlich durch die Räume. Soviel Technik und alarmierende Geräte. Kinder so schien es mir, scheinen dahinter zu verschwinden. Da stand ich nun am Bettchen meines Kindes und musste erleben, dass es genauso verkabelt, geschunden und winzig daliegt wie all die anderen. Dieses kleine zerbrechliche Wesen sollte mein Kind sein? Ich konnte es kaum glauben. Mir schossen die Tränen in die Augen. Es tat mir so weh, mein Kind dort so liegen zu sehen und ihm seine Schmerzen nicht nehmen zu können. Wo sollte ich nur all die Kraft finden, dies mit meinem kleinen Sohn gemeinsam durchzustehen?

Je länger ich am Bettchen meines Kindes saß, desto mehr liebte ich ihn. Er war mit seinen 650 Gramm und seinen 31 cm so klein und doch schon perfekt. Ich zählte seine Zehen und Finger. Winzig klein, doch es war alles dran. Da sah ich mir das Gesicht an. Wimpern, Augenbrauen, eine kleine zarte Nase, schmale Lippen. Er hatte sogar einen Flaum blonder Haare auf dem Kopf. Ich öffnete das Türchen des Inkubators und streichelte Thomas kleine Hand und Köpfchen. Er war so schön warm und weich. mir wurde klar, Liebe war das wichtigste was ich meinem Kind geben kann. Es schafft Geborgenheit und Vertrauen. Die kommenden Wochen waren ein Schwebezustand zwischen Freude über Fortschritte und Ängste über Rückschläge. Ich wusste nie auf was ich mich einstellen sollt, dies war die größte Belastung überhaupt. Immer wieder die quälende Angst, mein Kind könnte es nicht schaffen. Thomas war von Beginn an eine kleine Persönlichkeit, mit eigenem Willen! Es war beeindruckend mit zu erleben wie sehr er unsere Nähe spürte. Liebe ist das wichtigste was man seinem Kind geben kann. Gerne wäre ich den ganzen Tag bei meinen Sohn Thomas geblieben, doch ließ sich das nicht realisieren, denn ich bin zweifache Mutter und wollte für beide Kinder da sein.

Thomas kämpfte jeden Tag aufs Neue um sein Überleben. Er war so tapfer. Über jedes Gramm Gewichtszunahme haben wir uns gefreut, über jede Hürde die Thomas gemeistert hatte.

Uns gaben die tröstenden und ermutigenden Gespräche mit den Schwestern und Ärzten Kraft, die Situation anzunehmen und damit umzugehen. Resignieren war nicht angesagt! Nach vorne schauen lautete unser Motto. Doch die Rückschläge häuften sich.

Bis zu jenem Montag hofften wir, dass unser Baby überleben würde. Doch nun wussten wir nicht mehr, ob wir noch hoffen durften, oder ob wir für unser Kind beten, dass er in Ruhe für immer einschlafen dürfe. Es tut so weh mit anzusehen, dass alles gegeben wurde und doch die Antwort für dieses Mal versagt bleibt. Einmal fragte mich mein großer Sohn am Grab seines Bruders: „Mutti, Thomas ist doch im Himmel, oder?“ Mit Tränen in den Augen nahm ich Tobias in die Arme und antwortete ihm: „Ja, ganz bestimmt, du musst nur fest daran glauben!“

Für Thomas
In Liebe deine Mama

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