Fehlgeburt – und was dann?

Aus der Sicht einer Mutter und Kinderkrankenschwester

1. Einleitung

Ich möchte über diese Problematik berichten, um einerseits dieses schreckliche Erlebnis, welches gerade mal 5 Monate her ist, besser verarbeiten zu können und um andererseits meine Erfahrungen, hinsichtlich Trauerbewältigung weiterzugeben und den Betroffenen somit zu helfen, mit dem Tod ihres Kindes besser „fertig zu werden“. Es ist auch mein Ansinnen das Tabuthema „Sterben und Tod“ in unserer Gesellschaft anzusprechen. Meiner Meinung nach werden die meisten Eltern, nachdem sie ihr Kind verloren haben, mit ihren Problemen von der Gesellschaft alleingelassen. Außerdem liegt mir noch am Herzen, das Krankenpflegepersonal auf den betreffenden Stationen anzusprechen. Dieses sollte durch Weiterbildungen und erfahrungsgeleitete Seminare zu den Themen „Sterben, Tod und Trauer“ auf psychosozialer Ebene sensibilisiert werden. Ich musste leider feststellen, dass das Pflegepersonal, als auch die Ärzte sich überfordert fühlten. Ich bekam als Patientin Ängste, Hilflosigkeit und Unbehagen deutlich zu spüren. Auch in meiner Ausbildung zur Kinderkrankenschwester wurde ich nur unzureichend auf den Umgang mit Sterbenden und ihren Angehörigen vorbereitet, es gehört einfach mehr dazu, als Totenscheine auszufüllen und Tote zu Waschen. Psychische Aspekte, wie man mit seinen Ängsten und seelischen Belastungen, angesichts sterbender Patienten und verzweifelter Eltern umgehen kann, kamen zu kurz.

2. Die Schwangerschaft

Als ich erfuhr, dass ich zum 2. Mal schwanger wurde, waren mein Mann und ich sehr überrascht, denn dieser Nachwuchs meldete sich ungeplant bei uns an. Ich brauchte etwas Zeit um mich darüber zu freuen, da ich froh war nach dreijährigem Erziehungsurlaub wegen meines ersten Kindes, beruflich wieder Fuß fassen zu können. Es dauerte aber nicht lange und meine Freude war riesengroß.

Bis zur 12. Schwangerschaftswoche (SSW) hatte ich eine schöne Schwangerschaft, so wie ich das auch von der ersten Schwangerschaft her kannte. Ab der 13. SSW kam es leider anders. Ich bekam plötzlich Blutungen, hatte wehenartige Schmerzen und verlor das Fruchtwasser. Ich wurde sofort von meiner Frauenärztin ins Krankenhaus überwiesen. In dieser einen Woche Krankenhausaufenthalt musste ich, aufgrund von Platzmangel vier Mal das Zimmer wechseln, dreimal Umzug innerhalb der Entbindungsstation und ein Umzug auf die gyn. Station, wo sich das Zimmer über dem Kreissaal befand. Aus diesen Gründen war es kaum möglich sich zu erholen und zur Ruhe zu kommen. Man sagte mir in dieser Zeit, die Chancen stehen 50:50 die Schwangerschaft aufrecht zu erhalten. Mir wurde zum ersten mal klar, dass ich mein Kind verlieren könnte. Ich hoffte auf ein Wunder. Das Wunder trat ein … nach einer Woche strenger Bettruhe durfte ich wieder nach Hause. Es hieß, dass es dem Kind wieder gut geht und es altersgerecht entwickelt sei – laut Sonographie. Wir alle atmeten auf, es war doch nur ein schlechter Traum. Mir ging es psychisch und physisch wieder gut.

Nach 14 Tagen voller Glück setzten die nächsten Blutungen ein und wieder hatte ich wehenartige Schmerzen. Es quälten mich Vorwürfe, wie z.B.: „Habe ich etwas falsch gemacht?“. Meine Frauenärztin stellte ein „retroplazentares Hämatom“ fest und ich sollte strengste Bettruhe einhalten. Wieder waren Psyche und Physis bei mir ganz unten. Wie sollte es weitergehen? Fragen über Fragen! Was geschieht mit meiner Ausbildung, die ich zu diesem Zeitpunkt absolvierte? Wie kommt die Familie ohne mich über die Runden?

Es vergingen Tage und Wochen der Angst und Hoffnung. In der 18. SSW erfuhren wir, dass es ein kleiner Junge ist. Wir freuten uns sehr, waren aber gleichzeitig sehr bedrückt. Wir fragten uns immer wieder, ob wir ihn gesund in unseren Armen halten können. Laut Sonographie ging es unserem Jungen zu diesem Zeitpunkt gut. Jedoch nicht mir, ich hatte weiterhin starke Blutungen. Meine Frauenärztin erklärte mir, dass es eine Risikoschwangerschaft sei, ich strengste Bettruhe einhalten und einmal wöchentlich zur Kontrolle kommen soll. Mir gingen die schlimmsten Gedanken durch den Kopf (Krankheit, Behinderung, Sterben, Tod) und von Tag zu Tag verschlechterte sich mein körperlicher Zustand. Die Blutungen wurden immer stärker und es war keine Besserung in Sicht. In der 20. SSW kam es wie es kommen sollte. Ich wurde mit Verdacht auf vorzeitigen Blasensprung und sehr starken Blutungen ins Krankenhaus eingewiesen. Ich wählte diesmal eine andere Klinik, aufgrund der schlechten Erfahrungen mit der Ersten. Es wurde sonographiert und eine verminderte Fruchtwassermenge festgestellt. Meinem Kind ging es dementsprechend schlecht, ich konnte es auf dem Sonographiemonitor mitverfolgen. Der zuständige Arzt machte uns nicht allzu viel Hoffnung. Ich brach daraufhin in Tränen aus. Unzählige Untersuchungen ließ ich über mich ergehen, als letzte Möglichkeit war eine Fruchtwasserauffüllung geplant, der ich allerdings nicht zustimmte und zu der es auch nicht mehr kam.

3. Die Geburt

In der darauf folgenden Nacht wurde unser kleiner Junge in der 22.SSW mit einem Gewicht unter 500 g und 25 cm Größe geboren. Zu klein, um zu überleben. Es ging alles ganz schnell und läuft auch heute noch wie ein schlechter Film vor mir ab. Ich habe in meinem dunklen Krankenzimmer allein gelegen, mein Kindlein ganz allein zur Welt gebracht und fühlte mich von Gott und der Welt verlassen. Die zuständige Nachtwache hielt es nicht für nötig für die bevorstehende Entbindung mein Zimmer vorzubereiten. Sie war der Meinung das Kind kommt nicht in dieser Nacht und ich bekam jedes Mal, wenn ich klingelte oder vor Schmerzen laut schrie, einen „Anpfiff“ von ihr. Ich hatte große Angst vor der Entbindung und hätte jemanden gebraucht, der sich um mich kümmert. Jemand, der mit mir gemeinsam diese Nacht durchsteht, der mir die Hand hält, der einfach für mich da ist und meinen seelischen Schmerz annimmt und begleitet. Ich empfing von Seiten der Nachtwache nur Unfreundlichkeit, Hilflosigkeit, keine Wärme und kein Verständnis. Es war eine unprofessionelle Betreuung. Die Nacht war das schlimmste was mir seit Langem wieder fahren ist. Anteilnahme, Nähe und Einfühlsamkeit fehlten gänzlich.

Ich fragte, ob sie mir empfehlen würde, mein Kind anzuschauen. Sie sagte eiskalt „lieber nicht“ und brachte es im „Schieber“ weg. Ich hatte keine Chance Abschied zu nehmen.

Da es bei mir im Nachhinein noch Komplikationen gab, die Plazenta kam nicht vollständig, sondern in Einzelteilen, folgte ein paar Stunden später eine Curettage. Ich habe diese Nacht und die vier darauf folgenden Tage wie einen Alptraum erlebt. Ich war gar nicht ich selbst. Meine Gedanken waren durcheinander, chaotisch und geprägt von den schrecklichen Erlebnissen. Ich habe viel geweint. Die Schwestern haben einen großen Bogen um mein Zimmer gemacht. Sie kamen nur um mir Essen vorbei zu bringen. Sie wussten wahrscheinlich eh nicht was sie sagen sollten. Nur durch die aufrichtige Anteilnahme meines Mannes, meiner Familie, meiner Freunde und nicht zu vergessen meines lieben kleinen Töchterchens, die mir großen Trost und Kraft spendete, konnte ich wieder klare Gedanken fassen. Auch dem sozialen Dienst des Krankenhauses habe ich es zu verdanken „relativ schnell“ mit diesem Schmerz und meiner Trauer umzugehen und zu leben. Man bot mir ein Gespräch unter vier Augen an und stellte mir das Buch von H. Lothrop „Gute Hoffnung – jähes Ende“ vor, welches ich in 5 Tagen regelrecht verschlang.

4. Die Zeit danach

Als ich gesundheitlich wieder in Ordnung war, stürzte ich mich sofort wieder in die Arbeit. Ich arbeitete, drei Monate nach meinem Schicksal, im Verein „erlebnis geburt“ als Praktikantin und habe im Nachhinein festgestellt, dass ich trotz der schweren Erlebnisse eine gute Arbeit leisten konnte. Gleichzeitig tat ich aber etwas dafür, um den Verlust unseres Sohnes besser verarbeiten zu können und um wieder in einen geregelten Lebensrhythmus hineinzufinden. Ich möchte das verlorene Kind nicht einfach vergessen. Trauer muss „gelebt“ werden, man darf sie auf keinen Fall verdrängen oder gar betäuben. Deshalb ermöglichen Selbsthilfegruppen den Austausch mit anderen Betroffenen und bieten professionelle Hilfe an. Ich habe mich einem Gesprächskreis angeschlossen.

Folgende Kontaktstellen kann ich empfehlen:

  1. Initiative Regenbogen
    „Glücklose Schwangerschaft“ e.V.
    In der Schweiz 9
    72636 Frickenhausen
  2. „stillborn babies“ e.V.
    Hawila Middelstaedt
    Scheunenweg 01
    08396 Waldenburg
    Tel.: 037608 / 16670 ab 19.00 Uhr sonst 0160 73 42 946
  3. Selbsthilfegruppe „Verwaiste Eltern“
    Emilienstraße 63
    09131 Chemnitz
    Frau K. Eisfeld

Ich empfehle des weiteren folgende Bücher für Eltern, die ein Kind durch Fehl-, Früh-, Todgeburt oder kurz nach der Geburt verloren haben:

1. Gute Hoffnung – Jähes Ende,
H. Lothrop ISBN 3-466343889-5
K- Kösel Verlag

2. Guter Hoffnung nach jähem Ende,
G. Palm & J. Salzmann

3. Glücklose Schwangerschaft,
A. Schrempf

4. Fehl- und Frühgeburten (Ursachen,
Vorbeugen, Hilfen), B. Sommerhoff
Reinbek. Rowohlt, 1993

Ebenfalls half es uns, unserem Jungen einen Namen zu geben, auch wenn dieser nicht im Personenstandsbuch vermerkt wurde.

Ein Foto von ihm zur Entbindung hätte ich auch gern gehabt, leider ist dies nun zu spät. Ich kann es nur empfehlen, sich sein Kind nach der Geburt anzusehen und ein Foto zu machen. Es kann auch helfen, das Erlebnis einfach aufzuschreiben, Gedichte zu diesem Thema zu verfassen oder zu lesen.

Die Untersuchungen im Nachhinein in der Pathologie und Genetik ergaben keinerlei pathologische Befunde. Ich bin guter Hoffnung später noch einmal ein gesundes Baby zu bekommen.

Erst nachdem mir selbst solch ein schwerer Schicksalsschlag wieder fahren ist, kann ich mich als Kinderkrankenschwester besser hineinfühlen, wie es den betroffenen Eltern geht und was sie durchmachen müssen, wenn ihr Kind schwer erkrankt oder gar verstorben ist. Dieses schlimme Erlebnis hat mich zu einer sensiblen Kinderkrankenschwester gemacht, welche an Erfahrungen und Stärke gewonnen hat.

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