Für meine Töchter Abigail und Salome

Still geboren am 1. September 1996

Mein Name ist Hawila. Ich bin Mutter von vier Kindern: Philemon, Abigail, Salome und Lilian. Meine Töchter Abigail und Salome wurden in der 31.Schwangerschaftswoche still geboren. Ich möchte von dieser Schwangerschaft erzählen. Über Erfahrungen, die ich gemacht haben, über meine Wut, Zerrissenheit und die unendliche Trauer. Aber auch über Erfahrungen, die trotz dieses schmerzlichen Verlustes positiv waren und mir in der Trauerarbeit geholfen haben.

Im Jahr 1995 heiratete ich, als wir im darauf folgenden Januar erfuhren, dass unser erstes Kind unterwegs ist, war unsere Freude riesengroß.

Nur wenige Wochen danach wurden wir unsanft auf den Boden der Realität zurückgeholt. Die Schwangerschaft verlief alles andere als komplikationslos. Immer wieder musste ich mit Blutungen und vorzeitigen Wehen ins Krankenhaus. Als unser Sohn Philemon am 28. September 1996 mit 14-tägiger Verspätung geboren wurde, waren wir sehr glücklich. Wir waren eine kleine, junge Familie und unser Sohn machte dieses Glück perfekt.

Ich stillte unseren Sohn ausschließlich. Nach 6 Monaten besorgte ich mir einen Termin bei meiner Frauenärztin, ich wollte mir die Pille verschreiben lassen. Die Überraschung kam beim Ultraschall. „Wissen Sie was ich hier sehe?“ rief meine Frauenärztin. Schwanger, dachte ich wie vom Donner gerührt. Doch der Hammer kam erst noch. Es waren Zwillinge.

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis mein Mann und ich uns mit dem Gedanken anfreunden konnten, bald drei Kinder zu haben Aber schließlich siegte am Ende doch die Freude über den ungeplanten Nachwuchs. Die Schwangerschaft verlief problemlos. Ich stellte mich öfter als bei meiner ersten Schwangerschaft zur Risiko- Beratung im Krankenhaus vor, aber es wurde uns immer wieder bestätigt, dass beide Kinder gesund sind. Am 28. August war ich wieder zur Doppler-Sonographie im Krankenhaus. Auch bei dieser Untersuchung sagten mir die Ärzte, dass alles in bester Ordnung sei und wir erfuhren, dass unsere Zwillinge Mädchen waren.

Am 30. August war ich bei meiner behandelnden Gynäkologin. Beim CTG sagte man mir, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Meine Gynäkologin bot mir an, einen Rettungswagen zu rufen, der mich sofort ins nächste Krankenhaus bringen könne. Da mir niemand sagte, was genau nicht in Ordnung ist, rief ich meinen Mann an und fuhr mit ihm gemeinsam in das Krankenhaus, in dem unsere Zwillinge zur Welt kommen sollten. Während ich auf ihn wartete, wurde mir langsam klar, dass ich vielleicht meine Kinder verlieren könnte. Ich verbot mir diesen Gedanken jedoch sofort wieder. Außerdem war ich mir sicher, dass meine Gynäkologin mir die Wahrheit gesagt hätte, wenn es so ernst um die Kinder stünde. In diesem Moment betete ich und gab meine Sorgen an Gott ab, so konnte ich etwas beruhigt ins Krankenhaus fahren.

In der Entbindungsklinik angekommen, war ich unheimlich erleichtert, dass „meine“ Hebamme Dienst hatte. Wir wurden sehr freundlich empfangen, aber der Freundlichkeit wich Entsetzen, nachdem ein Ultraschall gemacht worden war. Die Gesichter der Ärzte sprachen Bände. Noch ehe auch nur einer etwas sagte, sah ich es selbst auf dem Bildschirm des Ultraschallgerätes. Und dann der Satz, der mich ein Leben lang verfolgen wird: „Es tut uns so leid, aber wir können keine Herztöne mehr feststellen.“ Der Schock, den diese Nachricht mit sich brachte, ließ mich einige Sekunden erstarren. Und dann schossen die Gedanken in meinen Kopf. „Nein. Nicht meine Kinder. Ein Irrtum. Und jetzt? Wie weiter?“ und immer wieder die eine Frage “ Warum? “

Mein Mann brach als erster das Schweigen. “ Und wie geht es jetzt weiter?“ fragte er. Die Ärzte erklärten, dass sie die Geburt einleiten wollen, so dass mir die Möglichkeit gegeben werden kann, eine natürliche und normale Geburt zu erleben. Allerdings wiesen sie auch darauf hin, dass dies alles noch 4-6 Tage dauern könne.

Ich hatte Angst, nur noch Angst. Vier, vielleicht sechs Tage mit zwei toten Kindern in meinem Bauch – nein, das würde ich nicht aushalten. Ich konnte nicht mehr denken, nur noch weinen. Ich sah alles wie durch einen Nebelschleier, wünschte mir, einen Albtraum zu haben, aus dem ich endlich aufwachen möge.

Ganz behutsam führte man uns in ein Zimmer, in dem wir für eine halbe Stunde allein sein konnten. Wir fielen uns in die Arme und weinten. Wir konnten kaum sprechen, aber die Nähe zueinander tat uns beiden unheimlich gut und half, die Starre langsam zu lösen. In dieser Stunde versprachen wir uns, noch ein Kind haben zu wollen. Aber wir beteten auch. Wir baten um Halt und Zuversicht für die kommenden Tage und um Verständnis und Akzeptanz für den Tod unserer Mädchen.

Nach diesen Minuten der Zweisamkeit wurde mein Mann gebeten, alle notwendigen Formalitäten zu erledigen und ich wurde von einer Hebamme auf die Station begleitet. Sie nahm sich sehr viel Zeit für mich und gab mir den Rat, alle Entscheidungen reichlich zu überdenken und mir Zeit für meine Kinder zu nehmen. Sie nach der Geburt in den Armen zu halten und mich von ihnen zu verabschieden. Diese Ratschläge waren zwar sachlich, aber sie gaben mir trotzdem Halt in dieser schrecklichen Situation. Waren sie doch nicht von Hilflosigkeit geprägt, sondern voller Wärme und Verständnis. Ich habe alle diese Ratschläge befolgt und sie haben mir in der anschließenden Trauerarbeit sehr geholfen. Auf der gynäkologischen Station wurde ich von einer Schwester empfangen, die mich einfach nur in den Arm nahm. Diese mütterliche Geste, die so viel Anteilnahme und Geborgenheit ausdrückte, ließ mich langsam ruhiger werden. Meinem Wunsch, nicht in ein Einzelzimmer zu müssen, wurde ohne viele Worte entsprochen und ich fand mich neben zwei Frauen wieder, die unheilbar krank waren. Eine ganze Weile schwieg ich, aber auf einmal brach ich in Tränen aus und erzählte vom Tod unserer Kinder. Die aufrichtige Anteilnahme an meinem Schicksal hat mich tief berührt. Sie, die sie selbst um ihr Leben kämpften, versuchten mir Trost zu spenden. Auch in dieser Situation fand ich im Gebet innere Ruhe, so dass ich an diesem Abend ohne Beruhigungsmittel einschlafen konnte.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, merkte ich, dass ich an meinem absoluten Tiefpunkt angelangt war. Ich hatte einen „dicken Bauch“ aber meine Kinder waren tot. Einerseits wollte ich, dass alles so schnell wie möglich vorbei ginge, aber andererseits wusste ich, dass ich noch nicht bereit war, meine Kinder loszulassen. Diese innere Zerrissenheit verstärkte sich noch, als ich erste Wehen verspürte. Aber trotz Prostaglandintablette und einem Entspannungsbad ging die Geburt nicht voran. Und als ich an diesem Abend ins Bett ging, dachte ich, „das hältst du keinen weiteren Tag aus“.

Als ich am Sonntagmorgen aufwachte, merkte ich, dass die Geburt unserer Kinder unmittelbar bevorstand. Ich wurde in das so genannte Vorwehenzimmer gebracht und rief meinen Mann an. Er wollte bei der Geburt unserer Töchter dabei sein. Die Wehen wurden immer unregelmäßiger – mein Innerstes wehrte sich immer mehr gegen die Geburt, war doch das Begrüßen gleichzeitig ein Abschiednehmen. Mein Mann – der inzwischen eingetroffen war – und ich, versuchten die Stunden der Wehen und der Geburt so intensiv wie möglich zu erleben, waren es doch die letzten Momente, die uns mit unseren Kindern blieben. Aus diesem Grund habe ich auch die mir von der Ärztin angebotene Narkose abgelehnt. Ich wollte wach bleiben und meine Kinder in den Arm nehmen. Und so war es dann auch. Um 8.40 Uhr wurde Abigail geboren und nach weiteren 15 Minuten ihre Schwester Salome.

Die Hebamme wickelte unsere Mädchen in Tücher und legte sie uns aufs Bett. So saßen wir nun, ich weiß nicht mehr wie lange, und betrachteten unsere kleinen Töchter. Sie sahen so niedlich aus mit ihren schwarzen Haaren und ich hatte das Gefühl, als schliefen sie nur ganz fest. Wir übergaben Sie in Gottes Hände auch wenn das unheimlich schwer fiel.

Nichts hätte ich mir in diesem Moment sehnlicher gewünscht, als dass sie die Augen aufschlügen und anfangen würden zu schreien. Aber wir mussten der Realität ins Auge schauen. Es war Zeit, Abschied zu nehmen. Liebevoll deckten wir unsere Kinder zu und gaben sie der Hebamme, nicht ohne ihnen ein letztes Mal zu sagen, wie sehr wir sie liebten und wie willkommen sie uns waren.

In der Klinik war man sehr um mich bemüht, und half mir, die ersten Tage ohne meine Kinder so gut wie möglich zu überstehen. Da die Ärzte die Ursache für den Tod unserer Kinder herausgefunden hatten, lehnten wir eine pathologische Untersuchung ab. Meinem Wunsch, so schnell wie möglich nach Hause entlassen zu werden, entsprach man schon nach wenigen Tagen.

Die Geburt unserer Töchter war für mich ein sehr intensives Erlebnis. Dass ich heute ohne Schmerz und Bitterkeit daran zurückdenken kann, ist sicher auch ein Verdienst der Ärzte, Schwestern und Hebammen des Krankenhauses. Sie haben mich nicht nur fachkompetent und professionell betreut, sondern mir auch viel Geborgenheit, Wärme und Nähe in den vielleicht schwersten Stunden meines Lebens gegeben. Dafür bin ich ihnen heute noch sehr dankbar. Unsere Töchter Abigail und Salome, am 1. September 1996 geboren, wurden am 6. September beerdigt. Viele Freunde und Verwandte waren gekommen, um mit uns noch einmal Abschied von unseren Töchtern zu nehmen.

Die Beerdigung war ein schmerzvoller, aber wichtiger Schritt in der Trauerarbeit. Ich bin froh, dass ich heute einen Platz habe, den ich mit meinen Kindern verbinden kann und ihnen nahe bin. Am wichtigsten aber erscheint mir heute, dass mein Mann immer für mich da war. Wir konnten gemeinsam um unsere Kinder weinen und wenn es mir schlecht ging und ich mit meiner Verzweiflung nicht wusste wohin, hat er mich aufgefangen. Er hat immer versucht, mir Trost zu sein und mir einen sicheren Halt zu geben. Den größten Halt fand ich aber im Glauben und damit verbunden im Gebet. Bei Gott konnte ich alle Zweifel, Wut, Trauer und Schmerz lassen und die Ruhe finden um meine Kinder zu trauern um ohne sie weiterleben zu können.

Auch heute, nach über drei Jahren, schmerzt mich der Verlust unserer Kinder noch sehr. Aber ich habe gelernt mit diesem Schmerz und meiner Trauer umzugehen und zu leben. Wenn ich heute an Abigail und Salome denke, dann bin ich dankbar für die Zeit, die ich mit ihnen haben durfte. Wir werden unsere kleinen Töchter nie vergessen. Sie werden immer in unseren Herzen sein.

Ein Jahr nach der stillen Geburt unserer Zwillinge, wurde unsere Tochter Lilian geboren.
Zur Erinnerung an ihre Schwestern erhielt sie den Namen Lilian Abigail Salome.
Hawila 1999

„Es gibt schlimmeres! ….“

Ich bin schwanger! Das war so ein Gedanke der mir gar nicht behagte, und doch wusste ich, dass ich „mein“ Kind nie und nimmer hergeben würde.

Als ich an diesem Tag von meinem Frauenarzt nach Haus fuhr hatte ich etwas Angst. Wie würde mein Mann reagieren? Überschwängliche Freude konnte ich wohl nicht von ihm erwarten, war mir doch selbst nicht nach Freude zumute. Und außerdem waren da noch Philemon, Abigail, Salome und Lilian und der Tod unserer Zwillinge Abigail und Salome. Als ich dann am Abend meinem Mann diese Neuigkeit eröffnete, war der nur geschockt und sagte: „…hoffentlich sind es keine Zwillinge…“ Das wiederum brachte mich fast aus der Fassung.

Die nächsten 2 / 3 Tage redeten wir nur wenig miteinander und wenn uns unser Glaube schon durch so manch schwierige Situation getragen hat, so viel es mir doch schwer dieses Kind anzunehmen.

Von Tag zu Tag hatte ich immer mehr das Verlangen mit meinem Kind zu sprechen, langsam nur langsam war es uns gelungen das heranwachsende neue Familienmitglied mit Freude zu empfangen. In mir wurzelte immer mehr dieses Gefühl bei meinem Kind um Verzeihung für die anfängliche Ablehnung und die vielen unguten Gedanken zu bitten. An einem Abend, wir hatten uns gerade mal wieder ausgemalt wie das wohl mit unserem Kind so sein würde, merkte ich das irgendetwas nicht stimmte. Angst stieg in mir auf, war etwas mit unserem Kind nicht in Ordnung. Mir wurde auf einmal so schlecht. Ich ging auf Toilette und das, was mich da erwartete bestätigte meine Befürchtungen – Blut – helles frisches Blut, ich dachte vielleicht ist es nur eine kleine Blutung, das kannte ich aus meiner ersten Schwangerschaft. Ich versuchte mich zu beruhigen und ging ins Bett. Ich wollte schlafen doch es stieg immer wieder Verzagen und Zerrissenheit in mir auf doch auch als die Blutung aufgehört hatte wollte keine rechte Ruhe in mich zurückkehren. Mitten in der Nacht wachte ich auf und hatte wieder das Gefühl zu bluten. Ich lag einfach nur da und sprach zu meinem Kind; “ … bitte bleib da, ich freu mich doch so auf dich…“ In der nächsten Stunde wurde mir aber dann bitterlich bewusst, dass ich gerade eine Fehlgeburt durchlebte, ich hatte nur noch Schmerzen, im Bauch und schlimmer noch in der Seele. Mir war übel und eigentlich wünschte ich mir nur zu träumen. Ich machte mir Vorwürfe unser Kind nicht liebevoller empfangen zu haben. Ich redete mir Schuldgefühle ein, dass ich mit meiner negativen Einstellung ein Hindernis für die gesunde Entwicklung unseres Kindes gewesen sein könnte, ich konnte einfach nicht mehr schlafen. Ich grübelte, warum ich warum schon wieder ich. Ich war erst in der 7 Woche aber ich wollte nicht verstehen, dass es so schnell vorbei sein kann. Ich war auf einmal auch wütend darauf, dass ich nicht noch länger das Gefühl gehabt habe schwanger gewesen zu sein, so wie bei unseren Zwillingen, da waren die 31 SSW nicht zu leugnen. Aber jetzt, niemand wusste dass ich schwanger war und mit einer etwas stärkeren Blutung war ja nun alles vorbei und morgen wird das Leben einfach wieder weitergehen. Mein Mann war sehr betroffen als ich ihm am Morgen sagte dass ich unser Kind verloren hatte. Am Morgen hatte ich das Gefühl, dass mich wohl niemand verstehen würde wenn ich weine und warum ich so traurig bin, also beschloss ich mit niemanden außer meinem Mann mehr darüber zu reden. Und der Gedanke, dass mir eh niemand helfen konnte und schon gar nicht verstehen, ließ mich nicht mehr los. Ich machte meinem Körper Vorwürfe warum ich schon wieder ein Kind hergeben musste. Als ich an diesem Morgen dann meinen Gynäkologen anrief, riet der mir trotzdem eine Ausschabung machen zu lassen. Nun musste ich aber ins Krankenhaus, weil ambulant so schnell keine Möglichkeit bestand.

Nun mussten also doch einige von meiner unglücklichen Schwangerschaft erfahren, denn unsere Kinder wollten während des zweitägigen Krankenhausaufenthaltes versorgt sein. Und doch nahm niemand so richtig Notiz von dem was mir wieder fahren war. Immer schön nach dem Motto:

„… der Tod deiner Zwillinge war doch viel schlimmer, da schaffst du das auch …“.

Mich machte das wütend, was hatten unsere Zwillinge mit dieser Fehlgeburt zu tun!

In der Klinik wurde ich sehr liebevoll behandelt, ich konnte meine Selbstzweifel loswerden, auch schaffte ich es endlich wieder zu beten. Ich bekam das Gefühl vermittelt, dass es nicht unwichtig war was mir da passiert ist. Als ich dann OP – fertig gemacht wurde kamen mir zum ersten mal die Tränen, jetzt war es Gewissheit ich musste Abschied nehmen. Obwohl ich wusste da unser Kind schon vor 2 Tagen verstorben war, redete ich ein letztes mal mit IHM.

Als ich später aus der Narkose aufwachte fühlte ich mich einfach nur leer, wie „ausgekotzt“, einfach Gefühle, die man nicht beschreiben kann.

Mein Mann fing mich in dieser Zeit wieder einmal auf, wir sprachen sehr viel miteinander und nahmen uns sehr viel Zeit einander zu zuhören. Mein Mann erzählte mir, dass er sich ebenfalls große Vorwürfe machen würde, weil er so ablehnend und ungerecht dem Kind gegenüber gewesen war.

In den ersten Wochen nach der Fehlgeburt habe ich mir immer eingeredet, dass das alles nicht so schlimm ist, weil ich ja eigentlich schon schlimmeres erlebt habe. Ich nahm das was von der Umwelt immer wieder gesagt wurde so tief in mich auf, dass ich schon selbst daran glaubte.

Wir haben uns dazu entschlossen, keine weiteren Kinder haben zu wollen. Auch haben wir in der Öffentlichkeit, also bei Bekannten und Verwandten nie über das Erlebte und unser fünftes Kind gesprochen, wohl weil eh alle der Meinung waren es gibt schlimmeres und weil ich es mir inzwischen selbst eingeredet hatte. Es ist zu meinem kleinen Geheimnis geworden.

Jetzt da ich diese Zeilen geschrieben habe musste ich nach nun zwei Jahren erkennen wie dumm ich doch eigentlich war, mir einreden zu lassen, dass eine Fehlgeburt nichts Trauernswertes ist. Wir haben schon getrauert aber eher heimlich. Erst jetzt nach 2 Jahren kann ich sagen es ist gut. Sicher kann ich meine Fehlgeburt nicht der stillen Geburt unsere Zwillinge gegenübersetzen, weil beides nichts miteinander zu tun hat, es sind beides Verluste, die unterschiedliche Trauer hervorrufen, die auch unterschiedlich intensiv erlebt und verarbeitet werden muss. Ich habe es geschafft, diese unverarbeitete Trauer wieder aus der Schublade zu nehmen und mich ihr zu stellen. Das ist für mich sehr wichtig gewesen, weil dies mich dazu bereit gemacht hat das Erlebte niederzuschreiben und andere Betroffene an meinem kleinen Geheimnis teilhaben zu lassen.

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Fehlgeburt – und was dann?

Aus der Sicht einer Mutter und Kinderkrankenschwester

1. Einleitung

Ich möchte über diese Problematik berichten, um einerseits dieses schreckliche Erlebnis, welches gerade mal 5 Monate her ist, besser verarbeiten zu können und um andererseits meine Erfahrungen, hinsichtlich Trauerbewältigung weiterzugeben und den Betroffenen somit zu helfen, mit dem Tod ihres Kindes besser „fertig zu werden“. Es ist auch mein Ansinnen das Tabuthema „Sterben und Tod“ in unserer Gesellschaft anzusprechen. Meiner Meinung nach werden die meisten Eltern, nachdem sie ihr Kind verloren haben, mit ihren Problemen von der Gesellschaft alleingelassen. Außerdem liegt mir noch am Herzen, das Krankenpflegepersonal auf den betreffenden Stationen anzusprechen. Dieses sollte durch Weiterbildungen und erfahrungsgeleitete Seminare zu den Themen „Sterben, Tod und Trauer“ auf psychosozialer Ebene sensibilisiert werden. Ich musste leider feststellen, dass das Pflegepersonal, als auch die Ärzte sich überfordert fühlten. Ich bekam als Patientin Ängste, Hilflosigkeit und Unbehagen deutlich zu spüren. Auch in meiner Ausbildung zur Kinderkrankenschwester wurde ich nur unzureichend auf den Umgang mit Sterbenden und ihren Angehörigen vorbereitet, es gehört einfach mehr dazu, als Totenscheine auszufüllen und Tote zu Waschen. Psychische Aspekte, wie man mit seinen Ängsten und seelischen Belastungen, angesichts sterbender Patienten und verzweifelter Eltern umgehen kann, kamen zu kurz.

2. Die Schwangerschaft

Als ich erfuhr, dass ich zum 2. Mal schwanger wurde, waren mein Mann und ich sehr überrascht, denn dieser Nachwuchs meldete sich ungeplant bei uns an. Ich brauchte etwas Zeit um mich darüber zu freuen, da ich froh war nach dreijährigem Erziehungsurlaub wegen meines ersten Kindes, beruflich wieder Fuß fassen zu können. Es dauerte aber nicht lange und meine Freude war riesengroß.

Bis zur 12. Schwangerschaftswoche (SSW) hatte ich eine schöne Schwangerschaft, so wie ich das auch von der ersten Schwangerschaft her kannte. Ab der 13. SSW kam es leider anders. Ich bekam plötzlich Blutungen, hatte wehenartige Schmerzen und verlor das Fruchtwasser. Ich wurde sofort von meiner Frauenärztin ins Krankenhaus überwiesen. In dieser einen Woche Krankenhausaufenthalt musste ich, aufgrund von Platzmangel vier Mal das Zimmer wechseln, dreimal Umzug innerhalb der Entbindungsstation und ein Umzug auf die gyn. Station, wo sich das Zimmer über dem Kreissaal befand. Aus diesen Gründen war es kaum möglich sich zu erholen und zur Ruhe zu kommen. Man sagte mir in dieser Zeit, die Chancen stehen 50:50 die Schwangerschaft aufrecht zu erhalten. Mir wurde zum ersten mal klar, dass ich mein Kind verlieren könnte. Ich hoffte auf ein Wunder. Das Wunder trat ein … nach einer Woche strenger Bettruhe durfte ich wieder nach Hause. Es hieß, dass es dem Kind wieder gut geht und es altersgerecht entwickelt sei – laut Sonographie. Wir alle atmeten auf, es war doch nur ein schlechter Traum. Mir ging es psychisch und physisch wieder gut.

Nach 14 Tagen voller Glück setzten die nächsten Blutungen ein und wieder hatte ich wehenartige Schmerzen. Es quälten mich Vorwürfe, wie z.B.: „Habe ich etwas falsch gemacht?“. Meine Frauenärztin stellte ein „retroplazentares Hämatom“ fest und ich sollte strengste Bettruhe einhalten. Wieder waren Psyche und Physis bei mir ganz unten. Wie sollte es weitergehen? Fragen über Fragen! Was geschieht mit meiner Ausbildung, die ich zu diesem Zeitpunkt absolvierte? Wie kommt die Familie ohne mich über die Runden?

Es vergingen Tage und Wochen der Angst und Hoffnung. In der 18. SSW erfuhren wir, dass es ein kleiner Junge ist. Wir freuten uns sehr, waren aber gleichzeitig sehr bedrückt. Wir fragten uns immer wieder, ob wir ihn gesund in unseren Armen halten können. Laut Sonographie ging es unserem Jungen zu diesem Zeitpunkt gut. Jedoch nicht mir, ich hatte weiterhin starke Blutungen. Meine Frauenärztin erklärte mir, dass es eine Risikoschwangerschaft sei, ich strengste Bettruhe einhalten und einmal wöchentlich zur Kontrolle kommen soll. Mir gingen die schlimmsten Gedanken durch den Kopf (Krankheit, Behinderung, Sterben, Tod) und von Tag zu Tag verschlechterte sich mein körperlicher Zustand. Die Blutungen wurden immer stärker und es war keine Besserung in Sicht. In der 20. SSW kam es wie es kommen sollte. Ich wurde mit Verdacht auf vorzeitigen Blasensprung und sehr starken Blutungen ins Krankenhaus eingewiesen. Ich wählte diesmal eine andere Klinik, aufgrund der schlechten Erfahrungen mit der Ersten. Es wurde sonographiert und eine verminderte Fruchtwassermenge festgestellt. Meinem Kind ging es dementsprechend schlecht, ich konnte es auf dem Sonographiemonitor mitverfolgen. Der zuständige Arzt machte uns nicht allzu viel Hoffnung. Ich brach daraufhin in Tränen aus. Unzählige Untersuchungen ließ ich über mich ergehen, als letzte Möglichkeit war eine Fruchtwasserauffüllung geplant, der ich allerdings nicht zustimmte und zu der es auch nicht mehr kam.

3. Die Geburt

In der darauf folgenden Nacht wurde unser kleiner Junge in der 22.SSW mit einem Gewicht unter 500 g und 25 cm Größe geboren. Zu klein, um zu überleben. Es ging alles ganz schnell und läuft auch heute noch wie ein schlechter Film vor mir ab. Ich habe in meinem dunklen Krankenzimmer allein gelegen, mein Kindlein ganz allein zur Welt gebracht und fühlte mich von Gott und der Welt verlassen. Die zuständige Nachtwache hielt es nicht für nötig für die bevorstehende Entbindung mein Zimmer vorzubereiten. Sie war der Meinung das Kind kommt nicht in dieser Nacht und ich bekam jedes Mal, wenn ich klingelte oder vor Schmerzen laut schrie, einen „Anpfiff“ von ihr. Ich hatte große Angst vor der Entbindung und hätte jemanden gebraucht, der sich um mich kümmert. Jemand, der mit mir gemeinsam diese Nacht durchsteht, der mir die Hand hält, der einfach für mich da ist und meinen seelischen Schmerz annimmt und begleitet. Ich empfing von Seiten der Nachtwache nur Unfreundlichkeit, Hilflosigkeit, keine Wärme und kein Verständnis. Es war eine unprofessionelle Betreuung. Die Nacht war das schlimmste was mir seit Langem wieder fahren ist. Anteilnahme, Nähe und Einfühlsamkeit fehlten gänzlich.

Ich fragte, ob sie mir empfehlen würde, mein Kind anzuschauen. Sie sagte eiskalt „lieber nicht“ und brachte es im „Schieber“ weg. Ich hatte keine Chance Abschied zu nehmen.

Da es bei mir im Nachhinein noch Komplikationen gab, die Plazenta kam nicht vollständig, sondern in Einzelteilen, folgte ein paar Stunden später eine Curettage. Ich habe diese Nacht und die vier darauf folgenden Tage wie einen Alptraum erlebt. Ich war gar nicht ich selbst. Meine Gedanken waren durcheinander, chaotisch und geprägt von den schrecklichen Erlebnissen. Ich habe viel geweint. Die Schwestern haben einen großen Bogen um mein Zimmer gemacht. Sie kamen nur um mir Essen vorbei zu bringen. Sie wussten wahrscheinlich eh nicht was sie sagen sollten. Nur durch die aufrichtige Anteilnahme meines Mannes, meiner Familie, meiner Freunde und nicht zu vergessen meines lieben kleinen Töchterchens, die mir großen Trost und Kraft spendete, konnte ich wieder klare Gedanken fassen. Auch dem sozialen Dienst des Krankenhauses habe ich es zu verdanken „relativ schnell“ mit diesem Schmerz und meiner Trauer umzugehen und zu leben. Man bot mir ein Gespräch unter vier Augen an und stellte mir das Buch von H. Lothrop „Gute Hoffnung – jähes Ende“ vor, welches ich in 5 Tagen regelrecht verschlang.

4. Die Zeit danach

Als ich gesundheitlich wieder in Ordnung war, stürzte ich mich sofort wieder in die Arbeit. Ich arbeitete, drei Monate nach meinem Schicksal, im Verein „erlebnis geburt“ als Praktikantin und habe im Nachhinein festgestellt, dass ich trotz der schweren Erlebnisse eine gute Arbeit leisten konnte. Gleichzeitig tat ich aber etwas dafür, um den Verlust unseres Sohnes besser verarbeiten zu können und um wieder in einen geregelten Lebensrhythmus hineinzufinden. Ich möchte das verlorene Kind nicht einfach vergessen. Trauer muss „gelebt“ werden, man darf sie auf keinen Fall verdrängen oder gar betäuben. Deshalb ermöglichen Selbsthilfegruppen den Austausch mit anderen Betroffenen und bieten professionelle Hilfe an. Ich habe mich einem Gesprächskreis angeschlossen.

Folgende Kontaktstellen kann ich empfehlen:

  1. Initiative Regenbogen
    „Glücklose Schwangerschaft“ e.V.
    In der Schweiz 9
    72636 Frickenhausen
  2. „stillborn babies“ e.V.
    Hawila Middelstaedt
    Scheunenweg 01
    08396 Waldenburg
    Tel.: 037608 / 16670 ab 19.00 Uhr sonst 0160 73 42 946
  3. Selbsthilfegruppe „Verwaiste Eltern“
    Emilienstraße 63
    09131 Chemnitz
    Frau K. Eisfeld

Ich empfehle des weiteren folgende Bücher für Eltern, die ein Kind durch Fehl-, Früh-, Todgeburt oder kurz nach der Geburt verloren haben:

1. Gute Hoffnung – Jähes Ende,
H. Lothrop ISBN 3-466343889-5
K- Kösel Verlag

2. Guter Hoffnung nach jähem Ende,
G. Palm & J. Salzmann

3. Glücklose Schwangerschaft,
A. Schrempf

4. Fehl- und Frühgeburten (Ursachen,
Vorbeugen, Hilfen), B. Sommerhoff
Reinbek. Rowohlt, 1993

Ebenfalls half es uns, unserem Jungen einen Namen zu geben, auch wenn dieser nicht im Personenstandsbuch vermerkt wurde.

Ein Foto von ihm zur Entbindung hätte ich auch gern gehabt, leider ist dies nun zu spät. Ich kann es nur empfehlen, sich sein Kind nach der Geburt anzusehen und ein Foto zu machen. Es kann auch helfen, das Erlebnis einfach aufzuschreiben, Gedichte zu diesem Thema zu verfassen oder zu lesen.

Die Untersuchungen im Nachhinein in der Pathologie und Genetik ergaben keinerlei pathologische Befunde. Ich bin guter Hoffnung später noch einmal ein gesundes Baby zu bekommen.

Erst nachdem mir selbst solch ein schwerer Schicksalsschlag wieder fahren ist, kann ich mich als Kinderkrankenschwester besser hineinfühlen, wie es den betroffenen Eltern geht und was sie durchmachen müssen, wenn ihr Kind schwer erkrankt oder gar verstorben ist. Dieses schlimme Erlebnis hat mich zu einer sensiblen Kinderkrankenschwester gemacht, welche an Erfahrungen und Stärke gewonnen hat.

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Jocelyn- Luisa & Darius-Marcus

Zur Erinnerung an unsere Kinder
Jocelyn-Luisa & Darius-Marcus
geb. 08.11.95       geb. 15.11.98
verst. 19.02.96    verst. 27.12.98

Wir sind junge Eltern von 3 Kindern. Unsere Jessica-Lydia ist heute 7 Jahre und der absolute Sonnenschein in unserem Leben. Die Schwangerschaft mit Jessi und die Geburt war uns eine absolut ergreifende Erfahrung. Aufgrund unseres festen Glaubens an Gott, ein Grund zu großer Dankbarkeit.

Für uns stand schon bei unserer Hochzeit vor fast 10 Jahren fest, mehrere Kinder haben zu wollen. Unser 2. Kind sollte Ende Oktober 1995 zur Welt kommen. Unsere Jessi war gerade 20 Monate.

Die Schwangerschaft verlief ohne Probleme, die Befunde waren alle i. O., auch war nichts schlimmes zu erwarten, da unsere Familienanamnese unauffällig ist. Ab der 37 SSW verschlechterte sich zusehends das CTG, was aber noch kein Grund zur Sorge war. Wir stellten uns in unserer erwählten Klinik vor, es wurde ein Doppelultraschall gemacht und ein CTG geschrieben – alles unauffällig! Bis zur 41 SSW gab es keinen Anhalt etwas zu unternehmen, obwohl ich ständig leichte Wehen hatte geschah nichts – was sehr an meinen Nerven zehrte. Dann war das CTG so schlecht, dass die sofortige Einweisung erfolgte. Im Krankenhaus unternahm man erst einmal nichts, da ich keine Wehen hatte und die erste Entbindung noch nicht weit zurücklag. Ich hatte eine nicht enden wollende Nacht durchzustehen. Am Morgen wurde die Geburt eingeleitet. Nach wirklich quälenden Stunden und großer Angst war am 8. Nov. 95 um 13:10 unsere 2. Tochter Jocelyn-Luisa geboren. Sie wog 2740 g und war 51 cm groß.

Sie wurde mir nicht auf die Brust gelegt, da sie sehr erschöpft erschien. sie hatte mehrfach die Nabelschnur um den Hals gewickelt. So kam sie unter Sauerstoff. Welch ein Unterschied zur ersten Geburt!

Die Kinderärztin wurde gerufen und uns wurde nur gesagt, unsere Tochter habe „kleine blaue Flecken“ am Körper, dies müsste abgeklärt werden.

Ich bat darum, mein Kind doch kurz auf den Arm zu bekommen (ich lag noch im Entbindungsbett). Ich sehe heute noch ganz genau ihr kleines Stupsnäschen und spüre ihre zarte Babyhaut. Am Nachmittag war mein Mann und ich bei ihr auf der Kinderstation – sie schlief ganz friedlich und hatte auch zuvor getrunken.

Am nächsten Morgen ging ich wieder zu meiner Tochter, sie war kurz zuvor kollabiert. Sie wurde reanimiert und als ich kam, gerade ein Zugang für den Tropf gelegt. Ich kann meine Gefühle in dieser Situation nur sehr schwer in Worte fassen. In den folgenden Tagen wurden verschiedene Untersuchungen durchgeführt. Das Herz zeigt keine Veränderungen, doch es wurden Gehirnfehlbildungen festgestellt. Unsere Jocy trank, bis auf wenige Ausnahmen, nicht. Sie wurde sondiert. Mein Mann und ich erlernten dies sehr bald und konnten so unser Kind in der uns möglichen Weise pflegen. Wir wickelten und badeten sie. Auch konnten wir als Familie mehrmals mit ihr spazieren gehen. Diese Momente haben wir sehr genossen.

Als Jocy 10 Wochen alt war, erfuhren wir endlich den Grund ihrer Krankheit – sie litt an partieller Trisomie 8. Auf der einen Seite waren wir erleichtert endlich den Grund zu wissen, auf der anderen schockiert, da diese Erkrankung erblich ist. Mit 10%iger Wahrscheinlichkeit tritt dies bei weiteren Schwangerschaften auf.

Jocelyn hatte mehrere schwere Infektionen, die schwer zu behandeln waren, eine Lungenentzündung, ständig unklare Fieberschübe, Erbrechen … . Wir bangten oft um das Leben unseres Kindes. Dann kamen ruhigere Tage, an denen wir Kraft schöpften. Unsere Jocelyn verstarb nach 14 1/2 Wochen am 19.2.96 an einem unbeherrschbarem Fieberschub (bis 42°C).

Wir beerdigten unser Kind am 27.2.96. Es kamen viele Freunde und Familienangehörige mit und mein Schwiegervater sprach einige tröstende Worte.

Es ist sehr schwer, die Trauer, den endlosen Schmerz, später auch die Depression in Worte zu fassen. Wir schöpften unsere Kraft aus Gebeten, aus vielen lieben Briefen, Anrufen und Besuchen von Freunden und unserer Familie. Auch durften wir, trotz all dem Schrecklichen, spüren, dass „die Hand Gottes nie zu kurz ist“. Immer wenn unsere Kraft zu Ende schien, gab er uns neue.

Wir arbeiteten unsere Trauer und das Erlebte weitestgehend auf und steckten uns nach 2 Jahren neue Ziele. Wir entschieden uns, ca. 300 km wegzuziehen, um eine Versammlung unserer Religionsgemeinschaft (der Zeugen Jehovas) zu unterstützen. Als wir in den Vorbereitungen steckten, wurde ich erneut schwanger. Zunächst ein Schock, dann warteten wir die ersten 12 SSW ab, da schon, wie wir erfuhren, ein großer Teil solcher Erberkrankungen als Fehlgeburten enden. Alles war bestens. Wir lehnten bewusst die pränatale Diagnostik ab, die zu einem Schwangerschaftsabbruch Anlass geben würde, da ein solcher für uns nicht in Frage käme.

In der 20. SSW waren wir beim Doppelultraschall. Auch hier war alles i. O. auch Veränderungen, die Jocy hatte, waren nicht da (Jocy hatte z.B. nur 2 Gefäße in der Nabelschnur), auch war unser Sohn sehr mobil. Jessica brauchte sich nur mit ihrem Rücken an meinen Bauch zusetzen und er strampelte ganz toll. Wir freuten uns riesig! Bis zum ersten CTG, war es trotz Ängste, aber vom körperlichen Wohlbefinden – eine traumhaft schöne Schwangerschaft. Das CTG war nicht wie bei unserer gesunden Tochter, aber auch nicht ganz so auffällig wie bei Jocy. Ich hatte furchtbare Angst! Mein Mann machte mir Mut und ging zu den nächsten Terminen mit. Ich sollte ins Krankenhaus eingewiesen werden. Das widerstrebte mir, da bei partieller Trisomie 8 keine Behandlung möglich ist. Ich besprach alles stets mit meiner ambulanten Hebamme, die mich immer wieder aufbaute. Die bei ihr geschriebenen CTG’s waren auch stets besser. Um Klarheit zu bekommen, entschieden wir uns in der 32. SSW doch für eine Fruchtwasserpunktion. Auch mit dem Gedanken, die Schwangerschaft und Geburt natürlich zu beenden.

Nach 2 Wochen das Ergebnis: auch unser Sohn litt an partielle Trisomie 8.

Wir stellten uns wieder beim Chefarzt unserer Klinik vor, der uns noch kannte. Wir teilten ihm die Befunde mit und baten darum die Geburt natürlich verlaufen zu lassen (aufgrund eines solchen Befundes ist dies rechtlich möglich), so lang für mich keine Gefahr besteht.

In der 38. SSW platzte nachts die Fruchtblase. Wir fuhren zur Klinik. Es hatte in dieser Nacht das erste Mal geschneit – alles sah so friedlich aus. Unser Baby war so ruhig. Ich betete im Stillen um Ruhe und Gelassenheit und es möge alles gut werden.

Unser Baby hatte ständig eine andere Lage, so auch jetzt – erlag quer. Zum Glück hatte ich keine Wehen. Die Hebamme machte sich große Sorgen. Ich musste mich auf die linke Körperseite legen, um das Baby zum Drehen zu bewegen. Mein Mann und ich weinten, wir beteten nochmals, dann fuhr er nach Hause um Jessica zur Oma zu bringen. Ich hatte nur ganz leichte Wehen, doch zum großen Glück hatte sich das Baby zur Steißlage gedreht. Meine ambulante Hebamme kam dazu, obwohl es Sonntag war und sie nicht in diesem Haus angestellt ist! Es ging dann alles recht schnell. Mein Mann kam gerade zur Geburt dazu. Am 15.11.1998 war unser Sohn Darius Marcus geboren (2650g, 48cm). Er wurde mir nicht gezeigt, doch beim wegtragen schrie er. Er wurde ins Wärmebett unter Sauerstoff gelegt. Der Kinderarzt wurde gerufen – Der Chefarzt hatte Dienst. Zuvor bekam ich ihn auf die Brust gelegt. Er hatte die gleichen Gesichtszüge wie seine Schwester Jocelyn. Er atmete sehr schwer und sah um die Augen etwas blau aus. Der Kinderarzt untersuchte ihn und sagte, auf den ersten Blick ginge es ihm besser, als Jocy damals. Er hatte eine deutlich bessere Muskelspannung und das nach so einer schweren Geburt. Wir schöpften etwas Hoffnung. Mein Mann ging mit zu zur Kinderstation und blieb bei den Untersuchungen dabei. So wussten wir noch am gleichen Tag, auch Darius hatte schlimme Hirnfehlbildungen, Fingeranomalien, eine Gaumenspalte. Er trank nie. Auch seine Atmung war fehlgesteuert, er bekam unklare Fieberschübe. Jeden Tag war einer bei ihm. Anfangs konnte ich es kaum ertragen.

Nach einigen Tagen ging es mir etwas besser und ich konnte unserem Baby Liebe und Pflege geben. Unser Darius verstarb am 27.12.98, wieder ein Sonntag, an einen unbeherrschbaren Fieberschub.

Wir ließen Darius anonym beerdigen, da wir uns beide nicht in der Lage fühlten, noch eine Beerdigung durchzustehen. Mein Mann brachte Kleidung zum Bestattungsinstitut. Dort wurden wir freundlich behandelt und unser Wunsch wurde akzeptiert. Nach zwei Jahren waren wir das erste Mal am Grab von Darius. Das war besonders für mich sehr wichtig. Jetzt bepflanze ich Jocy´s Grab für beide. Das hat bei der Trauerarbeit enorm geholfen.

Wieder war uns unsere Familie und unsere Freunde eine unbeschreiblich große Stütze. Der Platz fehlt um alles zu erwähnen. Nur einiges: sie begleiten uns ins Krankenhaus, als Darius noch lebte, sie kochten für uns, brachten Körbe voller Obst., sagten uns manchmal nur, dass sie für uns beten würden, wir wurden eingeladen, Freundinnen riefen über Monate jede Woche an, um stundenlang mit mir zu sprechen oder einfach um zuzuhören… .

Jetzt waren 2 unserer 3 Kinder tot. Bis heute ist das oft unfassbar.

Eine meiner großen Sorgen drehte sich um unsere Jessica. Sie hatte doch auch ihre Geschwister verloren. Ich belas mich, um mit ihr den richtigen Weg zu finden, der ihr die Trauer richtig verarbeiten lässt.

Es war für alle ein SEHR schwerer Weg! In der Bibel wird von einem „Tal des Schattens“ gesprochen. Darin sind wir gegangen. Mein Mann und Jessi hatten den Weg heraus schneller gefunden als ich. Jetzt nach fast 3 Jahren kann ich sagen, dass ich mich wieder am Leben erfreuen kann, ohne nur an meine beiden Kinder zu denken. Auch denke ich nicht mit Bitterkeit zurück. Ich bin dankbar für die kurze Zeit, die wir mit unseren Kindern hatten. Die Auferstehungshoffnung der Bibel gibt uns allen heute großen Trost. Zu der von Gott festgesetzten Zeit, wird er unsere Kinder auferwecken, so wie sein Sohn Jesus z.B. Lazerus auferweckte.

Vor einem halben Jahr gaben wir einen Adoptionsantrag ab. Die Zeit wird alles Weitere bringen …

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Für Thomas – Deine Mama

Ich werde diesen Tag im Oktober wohl nie vergessen, diesen Tag der mein Leben, das Leben meiner Familie so verändern sollte.

War es doch schon Wochen vorher ein Kampf, diese Schwangerschaft stabil zu halten. Ich wollte unser Kind auf keinen Fall verlieren. In den Medien hat man oft von zu früh geborenen Babys berichtet, sich selbst aber nie mit diesem Thema befasst. Denn, so hoffte ich, mich wird es nie treffen. So glaubte ich daran, bis zu jenem Tag, an dem unser Söhnchen Thomas in der vollendeten 23. Schwangerschaftswoche auf die Welt geholt wurde. Die Ärzte gaben unserem Sohn keine Chance und so wurde er von Ihnen nur mit einer Schüssel, bedeckt mit einem kleinen Laken, erwartet. Ich war darüber so entsetzt, konnte nichts mehr sagen, nur noch weinen. Man versuchte mir immer wieder unmissverständlich klar zu machen, es hätte keinen Sinn noch zu hoffen, das Kind würde die Geburt nicht überleben. Ich fühlte mich so hilflos und ausgeliefert, niemand sprach mit mir über meine Ängste, niemand reichte mir die Hand.

Die Geburt war traumatisch. Mir war als reise man mir ein Stück aus meinen Körper und aus meiner Seele. Was konnte es in diesem Moment schlimmeres für mich geben, als mein Baby zu verlieren. Dieses Gefühl was einem durchströmt, kann man nicht beschreiben und ich möchte es auch gar nicht.

Doch unser Söhnchen Thomas hatte es wieder erwarten der Ärzte geschafft und mir gezeigt, dass er leben wollte. Für mich stand fest ich werde mein Kind so lieben wie er ist und ihn mit meiner ganzen Kraft unterstützen. Keiner von uns wusste was nun auf uns zukam, doch eines war klar, dies wird ein langer beschwerlicher Weg, mit vielen Hindernissen und Schwierigkeiten.

Beim Betreten der Intensivstation ließ ich den bekannten Teil der Welt ein gutes Stück hinter mir. Angst, Beklemmung und Hoffnung um mein Kind machten mir die Schritte schwer. Mein Blick schweifte ängstlich durch die Räume. Soviel Technik und alarmierende Geräte. Kinder so schien es mir, scheinen dahinter zu verschwinden. Da stand ich nun am Bettchen meines Kindes und musste erleben, dass es genauso verkabelt, geschunden und winzig daliegt wie all die anderen. Dieses kleine zerbrechliche Wesen sollte mein Kind sein? Ich konnte es kaum glauben. Mir schossen die Tränen in die Augen. Es tat mir so weh, mein Kind dort so liegen zu sehen und ihm seine Schmerzen nicht nehmen zu können. Wo sollte ich nur all die Kraft finden, dies mit meinem kleinen Sohn gemeinsam durchzustehen?

Je länger ich am Bettchen meines Kindes saß, desto mehr liebte ich ihn. Er war mit seinen 650 Gramm und seinen 31 cm so klein und doch schon perfekt. Ich zählte seine Zehen und Finger. Winzig klein, doch es war alles dran. Da sah ich mir das Gesicht an. Wimpern, Augenbrauen, eine kleine zarte Nase, schmale Lippen. Er hatte sogar einen Flaum blonder Haare auf dem Kopf. Ich öffnete das Türchen des Inkubators und streichelte Thomas kleine Hand und Köpfchen. Er war so schön warm und weich. mir wurde klar, Liebe war das wichtigste was ich meinem Kind geben kann. Es schafft Geborgenheit und Vertrauen. Die kommenden Wochen waren ein Schwebezustand zwischen Freude über Fortschritte und Ängste über Rückschläge. Ich wusste nie auf was ich mich einstellen sollt, dies war die größte Belastung überhaupt. Immer wieder die quälende Angst, mein Kind könnte es nicht schaffen. Thomas war von Beginn an eine kleine Persönlichkeit, mit eigenem Willen! Es war beeindruckend mit zu erleben wie sehr er unsere Nähe spürte. Liebe ist das wichtigste was man seinem Kind geben kann. Gerne wäre ich den ganzen Tag bei meinen Sohn Thomas geblieben, doch ließ sich das nicht realisieren, denn ich bin zweifache Mutter und wollte für beide Kinder da sein.

Thomas kämpfte jeden Tag aufs Neue um sein Überleben. Er war so tapfer. Über jedes Gramm Gewichtszunahme haben wir uns gefreut, über jede Hürde die Thomas gemeistert hatte.

Uns gaben die tröstenden und ermutigenden Gespräche mit den Schwestern und Ärzten Kraft, die Situation anzunehmen und damit umzugehen. Resignieren war nicht angesagt! Nach vorne schauen lautete unser Motto. Doch die Rückschläge häuften sich.

Bis zu jenem Montag hofften wir, dass unser Baby überleben würde. Doch nun wussten wir nicht mehr, ob wir noch hoffen durften, oder ob wir für unser Kind beten, dass er in Ruhe für immer einschlafen dürfe. Es tut so weh mit anzusehen, dass alles gegeben wurde und doch die Antwort für dieses Mal versagt bleibt. Einmal fragte mich mein großer Sohn am Grab seines Bruders: „Mutti, Thomas ist doch im Himmel, oder?“ Mit Tränen in den Augen nahm ich Tobias in die Arme und antwortete ihm: „Ja, ganz bestimmt, du musst nur fest daran glauben!“

Für Thomas
In Liebe deine Mama

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